So glücklich und so müde: Wie ein kleiner Mensch die Gefühle Achterbahn fahren lässt. (jh)

2.30 Uhr. Ich höre, wie Deine Finger sich leise an den Stäben des Babybettchens entlangtasten. Meine innere Uhr hat mich schon vor einigen Minuten geweckt, denn Du wachst jede Nacht um diese Zeit auf. Als das Rascheln aus Deiner Richtung lauter wird stehe ich auf und gehe langsam und etwas schlaftrunken zu Deinem Bett. Du lächelst mich an und streckst die Arme nach mir aus. Früher hast Du noch geweint, doch das ist lange her. Du weißt, dass ich da bin, Dich hochnehme und sanft im Arm wiege. Ich drücke Dir einen langen Kuss auf die Wange und mit einem Seufzer schließt Du wieder Deine Augen.

Monate zuvor bist Du am 18. April 2016 um genau 2.30 Uhr zur Welt gekommen. Seitdem wachst Du jede Nacht zu exakt dieser Uhrzeit auf. Die ersten Nächte hast Du dabei gebrüllt wie am Spieß. Da habe ich schon erfahren müssen, dass ich auf eines überhaupt nicht vorbereitet war: auf Deine und gleichzeitig auf meine Hilflosigkeit. Da stand ich nun mitten in der Nacht auf dem Krankenhausflur mit unserem lang ersehnten Wunschkind im Arm und wusste überhaupt nicht, was ich gegen das Gebrüll tun sollte. Langsam stiegen Tränen der Verzweiflung in mir auf. Ich war erst einen Tag Deine Mutter und wusste schon nicht mehr weiter? War ich etwa eine schlechte Mutter? Du warst sauber gewickelt, wolltest nicht gestillt werden und Singen hat dich auch nicht beruhigt.

Die Nachtschwester kam herbei und riet mir, Dir den kleinen Finger zur Beruhigung in den Mund zu stecken. Aber auch das half nicht. Und da sagte sie etwas, was mir später noch oftmals helfen sollte: „Versuchen Sie auf Ihre innere Stimme zu hören. Was glauben Sie, würde Ihrem Kind jetzt helfen?“ Ich schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht.“ Sie legte ihre Hand auf meinen Arm. „Ihr Kind wird noch oft weinen, das gehört dazu. Atmen Sie einmal durch und überlegen Sie!“
Nun gut. Ich atmete tief durch. Dann habe ich Dich etwas höher an meine Schulter gelegt, Deinen Kopf mit einer Hand gestützt, meine Wange gegen Dein Haar gelehnt und bin einfach den Krankenhausflur auf und ab gegangen. Das Brüllen wurde zu einem Weinen, das Weinen zu einem Schniefen und das Schniefen schließlich zu einem leichten Schnarchen. Aus meiner eben noch fast tränenreichen Hilflosigkeit stieg plötzlich ein unfassbares Glücksgefühl auf. Trotz milchbespucktem Bademantel, unschönen Thrombosestrümpfen und riesiger Erwachsenenwindel: Ich fühlte mich wie die Königin höchstpersönlich, denn schließlich hatte ich das Wunder vollbracht Dich, mein Baby in den Schlaf zu wiegen.

Eigentlich hätte mir direkt nach der Geburt klar sein müssen, dass ab sofort viele Augenblicke in unserem gemeinsamen Leben zwischen zwei Extremen schwanken würden: Der unfassbare Schmerz der Geburt und gleichzeitig das unglaubliche Glück Dich im Arm zu halten. Die Verzweiflung, wenn Du einfach nicht einschlafen willst und die Flut großer Glücksgefühle, wenn Du lächelnd schlummerst. Die schier unendliche Müdigkeit nach einer schlaflosen Nacht und das vor Freude zerspringende Herz, wenn Du einem morgens fröhlich ins Gesicht lachst. Die Angst, dass Dir etwas zustoßen könnte und der Stolz, wenn Du läufst. Der Ärger darüber dass der zuvor ordentliche Haushalt oftmals einem Saustall gleicht und die Freude über Dein vergnügtes Lachen, wenn Du im Wäschekorb wühlst.

Durch Dich sehe ich die Welt manchmal mit anderen Augen. Gemeinsam staunen wir darüber, dass Backpapier so herrlich knistert. Wir probieren, wie die grüne Wiese schmeckt, lachen darüber, wenn der Hund dem Ball nachspringt und klatschen vor Begeisterung in die Hände, wenn Papa mit Dir durch das Wohnzimmer tanzt. Du siehst alles zum ersten Mal, Du entdeckst jede Kleinigkeit, die für mich schon alltäglich ist und zeigst sie mir dadurch neu. Und jedes Mal wenn ich denke, jetzt haben wir den Haushalt endlich kindersicher, lässt Du Dir neuen Unfug einfallen, um uns das Gegenteil zu beweisen.
Und während mir früher Gespräche über Babybrei, die perfekte Windelmarke oder das neueste Schnittmuster für selbstgenähte Baby-Pumphosen nahezu ein Graus waren, macht es mir heute Spaß mich mit anderen Müttern auszutauschen. Mittlerweile blogge ich als „Landmutti“ sogar darüber.

Viele der Unsicherheiten aus den ersten Wochen sind mittlerweile verflogen. Nicht jedes Mal erkenne ich sofort was Du möchtest, brauchst oder fühlst aber ich weiß zumindest, wie ich es herausfinden kann. Eines aber ist geblieben: Jede Nacht wachst Du um 2.30 Uhr auf. Das ist unser kleiner Augenblick, nur für uns beide.

Du machst mich so glücklich. Und Du machst mich so müde.


Dieser Artikel ist am 7.04.2017 in der regionalen Zeitschrift "Zhoch3" erschienen. (Infos dazu: bitte hier klicken.)

Fotos: Alexander Held

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